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10. Juli 2011 / Gaby Goldberg

LLL staatlich „motiviert“

Lebenslanges Lernen – Genuß oder Zwang? Prof. Ulf-Daniel Ehlers hat in seinem Vortrag diese Frage aufgeworfen – und mich damit ins Grübeln gebracht, denn ich habe mir daraufhin eine andere gestellt: Wie würden wohl die Lehrkräfte des israelischen Schulsystems darauf antworten? Genauer gesagt: des israelischen „Erziehungs“systems – so lautet der offizielle Begriff, dessen Mehrdeutigkeit  unter dem Aspekt des lebenslange Lernens  deutlich wird.

Lehrkräfte israelischer Schulen verdienen kein übermäßig üppiges Gehalt Berufsanfänger in der Primarschule (bis Klasse 6) werden mit 3000-4000 Schekeln brutto bezahlt, in weiterführenden Schulen (Klasse 7 bis 12) mit 4000-5000 Schekeln (4,8-5 Schekel = 1 Euro) – bei höherer Stundenzahl als der OECD-Durchschnitt. Der Lehrerverdienst liegt unter dem israelischen Durchschittseinkommen von zur Zeit ca. 8500 Schekel.

Die Statistik: http://www.ginaplus.org/kshomron/employment.htm

Allerdings ermöglicht der Staat eine Steigerung dieses Gehalts – nämlich dann, wenn Lehrkräfte ihre Qualifikation durch Weiterbildungen aufbessern. Insgesamt 24 „Punkte“ entlohnt er mit einem Zuschlag auf das Bruttoeinkommen. Diese Punkte werden für eine akademische Publikation  vergeben oder auch für einen Kurs, bei dessen Auswahl der Lehrkraft keine inhaltlichen Grenzen gesetzt sind. Eine Physiklehrkraft kann sich  zum Beispiel einen Yogakurs anerkennen lassen, wenn sie das für sinnvoll hält,  vorausgesetzt, der Kurs-Anbieter ist vom Erziehungsministerium zertifiziert. Diese Zertifizierung erfolgt weniger nach inhaltlichen als nach formalen  Gesichtspunkten (ein Kriterium ist das Vorhandensein eines Curriculums, ein anderes der Stundenumfang des Kurses, ein weiteres die formale Qualifikation der dort Lehrenden oder die Frage, ob ausreichend Toiletten nach Standard des Gesundheitsministeriums vorhanden sind usw. usw. – man ist mit dem Ausfüllen des Zertifizierungsantrags locker einen halben Arbeitstag beschäftigt).

Handfeste Erziehung zum lebenslangen Lernen also. Leider habe ich keine Statistik darüber, wie viele Lehrkräfte die Höchstpunktzahl von 24 (und damit die Verdoppelung des Gehalts) erreichen. Den meisten, mit denen ich über das Thema diskutiert habe, ist es bisher nicht gelungen – und wenn, dann eher  Männern als Frauen, aus den bekannten Gründen: Kinder, Familienarbeit… Aber diese Aussage ist nicht repräsentativ.

Interessant scheint mir im übrigen die Nomenklatur: „Fortbildung“ heißt auf Hebräisch „hischtalmut“ und ist ein Derivat des Verbs „le-hischtalem“. Die Wurzel dieses Verbs, „schalem“, bedeutet „vollständig, intakt, ganz“ (schalom – Friede – geht auch auf diese Wurzel zurück), und „le-hischtalem“ ist doppeldeutig: einmal nämlich  „sich bezahlt machen“ – „sich lohnen“, aber andererseits auch „sich vervollkommnen“. Sich vervollkommnen durch lebenslanges Lernen – eine hübsche Idee. Dass sie gebunden wird an ein Grundgehalt, das bei einer Vollzeitstelle in der Primarschule gerade mal so hoch ist wie das staatliche Mindesteinkommen, macht sie dubios.

Zur OECD-Studie, auf Englisch:

http://www.haaretz.com/print-edition/news/oecd-israel-lags-in-teacher-pay-and-spending-per-pupil-1.312831

Auf Hebräisch, aber Tabelle 2 ist verständlich:

http://www.ynet.co.il/articles/0,7340,L-3594175,00.html (Tabelle 2, letzte Zeile, fett: Israel. Horizontale Rubriken von rechts nach links: Klasse 1-6, Klasse 7-9, Klasse 10-12, Klasse 10-12 mit 15 Jahren Berufserfahrung. Jahresbruttoeinkommen in Dollar, allerdings von 2006; mittlerweile liegt es etwas höher. Vertikal: Vergleichsländer – von oben nach unten: USA, Dänemark, Spanien, Südkorea, OECD-Durchschnitt)

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  1. Claudia Bremer / Jul 10 2011 3:32 pm

    Liebe Gaby Goldberg,

    ein ähnliches Experiment gab es in Hessen, allerdings (noch) ohne Folgen für das Gehalt, wobei das angedacht war. Lehrerinnen und Lehrer in Hessen müssen/mussten 150 Punkte in 3 Jahren sammeln, für den Besuch von Fortbildungen gab es je nach Umfang z.B. 10 – 40 Punkte, für das Abonnement einer Fachzeitschrift Punkte, den Besuch von Tagungen usw. Das ganze wurde mit dem Landesregierungswechsel aufgegeben, angedacht war auch einmal, dass es Konsequenzen auf Gehaltsebene gibt, sonst würde es ja nicht verpflichtend wirken. Unterlagen habe ich nur noch auf der Webseite der GEW gefunden, die das ganze stark kritisierte (vgl. http://bit.ly/oawPXM und http://bit.ly/qKdEPZ). Inzwischen wurde die – damals über Jahre von LehrerInnen sehr ernst genommene und eingehaltetene – Punktesammlung von der neuen und aktuell regierenden Landesregierung aufgehoben, die Akkreditierung von Lehrerfortbildungsveranstaltungen besteht noch. Was ich nur beitragen wollte: man muss gar nicht so weit nach Israel schauen, um ein entsprechendes Beispiel zu finden.

    • Gaby Goldberg / Jul 10 2011 4:42 pm

      Liebe Claudia Bremer, schau an: ausgerechnet in Hessen?! Als einzigem deutschen Bundesland? Fairererweise muss ich ergänzen, dass sich der israelische Staat an den Kurskosten beteiligt oder sie stellenweise sogar ganz übernimmt. Fachliteratur zählt nicht, aber es gibt einen persönlichen Weiterbildungsfonds, in den Arbeitgeber und -nehmer einzahlen und der alle sieben Jahre ausgeschüttet wird, um ein Schabaton – Sabbatical – zu finanzieren. Nicht alle nehmen das wahr, manche lassen sich das Geld auch einfach so auszahlen, was möglich ist.

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